Es ist gar nicht so einfach, „Shiru Utsuwa“ in einem Satz zu erklären. Und vielleicht liegt genau darin schon ein Teil der Antwort. Denn es handelt sich dabei nicht um etwas, das man einfach definieren oder klar eingrenzen kann. Für mich ist Shiru Utsuwa keine Trainingsmethode und auch kein klassischer Verein – es ist vielmehr eine Einstellung, die sich über die Zeit entwickelt hat.
Der Ursprung des Begriffs liegt tatsächlich im Karate selbst. Während meiner Vorbereitung auf den ersten DAN wollte ich eine Kata nicht einfach nur ausführen oder benennen, sondern ihr eine eigene Bedeutung geben. In den höheren Katas ist das selbstverständlich – Namen wie Bassai Dai oder Empi stehen nicht nur für Abläufe, sondern für Ideen und Prinzipien. Genau das wollte ich auch erreichen. Ich habe also nach einem Namen gesucht, der das widerspiegelt, was ich im Training und darüber hinaus verstanden habe. Daraus ist schließlich „Shiru Utsuwa“ entstanden.
Was dieser Begriff für mich bedeutet, lässt sich am ehesten über ein Bild erklären: Der eigene Kopf ist wie ein Gefäß. Dieses Gefäß kann Wissen aufnehmen, aber nur dann, wenn es nicht bereits „gefüllt“ ist. Wer glaubt, alles zu wissen, verschließt sich automatisch vor Weiterentwicklung. Shiru Utsuwa steht für die Bereitschaft, immer wieder Neues zu lernen, Bekanntes zu hinterfragen und sich auch von Dingen zu lösen, die man früher für richtig gehalten hat. Manche Inhalte werden mit der Zeit angepasst, andere verlieren komplett ihre Bedeutung. Das ist kein Widerspruch, sondern ein notwendiger Teil von Entwicklung.
Wenn ich es trotzdem auf einen Satz reduzieren müsste, würde ich sagen:
Bleibe neugierig und hinterfrage alles, damit du deinen eigenen Weg finden kannst.
Diese Haltung geht für mich weit über das Training hinaus. Im Karate wird sie besonders sichtbar, aber eigentlich betrifft sie jede Entscheidung im Alltag. Es geht darum, Fehler nicht nur zu erkennen, sondern aktiv zu verstehen, wie sie entstehen, um sie nachhaltig zu verändern. Es geht darum, andere Meinungen anzuhören, ohne sie unreflektiert zu übernehmen. Und es geht darum, Entscheidungen bewusst zu treffen und sie anschließend konsequent umzusetzen – nicht, weil jemand anderes es vorgibt, sondern aus eigener Überzeugung.
Genau hier sehe ich auch einen klaren Unterschied zu vielen klassischen Strukturen, insbesondere im Sport. Für mich ist Karate kein Sport im üblichen Sinne. Es geht nicht darum, sich mit anderen zu messen oder besser zu sein als jemand anderes. Der Fokus liegt auf Selbstverteidigung, und die hat immer ein klares Ziel: eine Situation zu kontrollieren und, wenn möglich, zu beenden. Deshalb spielt Kämpfen im klassischen Sinne bei mir keine Rolle. Stattdessen arbeite ich mit realitätsnahem Bunkai, das komplex ist und sich an echten Situationen orientiert.
Was mich dabei immer wieder stört, ist die fehlende Bereitschaft, Dinge zu hinterfragen. In vielen Bereichen – nicht nur im Karate – werden Abläufe übernommen, weil sie „schon immer so waren“. Systeme werden akzeptiert, ohne sie an aktuelle Gegebenheiten anzupassen. Dabei verändert sich die Welt ständig, und gerade deshalb sollte auch das eigene Verständnis in Bewegung bleiben. Für mich geht es nicht darum, Traditionen abzulehnen, sondern sie zu verstehen und sinnvoll weiterzuentwickeln.
Ich selbst habe diesen Weg nicht von Anfang an so gesehen. Früher habe ich vieles einfach akzeptiert und bin auch bewusst den leichteren Weg gegangen, vor allem wenn es darum ging, schneller voranzukommen. Kurzfristig funktioniert das, aber langfristig bremst es die eigene Entwicklung. Erst als ich angefangen habe, Dinge wirklich verstehen zu wollen, hat sich mein Blick auf das Training grundlegend verändert. Ich bin neugieriger geworden und habe gelernt, eigenständiger zu denken.
Dabei spielt auch Zeit eine wichtige Rolle. Viele Inhalte erschließen sich nicht sofort. Oft versteht man eine Erklärung nur oberflächlich, und die eigentliche Bedeutung zeigt sich erst später. Diese Momente, in denen sich etwas plötzlich erschließt, sind entscheidend. Lehrer wie Stephan Trettin und Martino Fromm Rhode haben mich in dieser Hinsicht stark geprägt. Nicht, weil ich ihnen blind folge, sondern weil ich von dem überzeugt bin, was sie vermitteln.
Gerade in der heutigen Zeit halte ich diese Haltung für besonders wichtig. Wir sind ständig von Informationen umgeben, die immer schneller verfügbar sind. Gleichzeitig gibt es unzählige Angebote, die schnelle Ergebnisse versprechen – im Alltag genauso wie im Kampfsport. Umso wichtiger ist es, Inhalte einordnen und hinterfragen zu können. Nicht alles, was gut klingt, ist auch sinnvoll.
Im Training zeigt sich oft, wo genau diese Fähigkeiten fehlen. Unpünktlichkeit, fehlende Konzentration und eine sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne sind Dinge, die ich immer wieder beobachte. Viele hören nicht richtig zu, sind schnell abgelenkt und machen dadurch die gleichen Fehler mehrfach. Häufig wird das mit „Ich habe es vergessen“ erklärt. In vielen Fällen liegt das Problem aber nicht im Vergessen, sondern darin, dass Inhalte nie wirklich verstanden wurden.
Genau hier setzt Shiru Utsuwa an. Es geht nicht darum, möglichst viele Techniken zu lernen, sondern darum, zu verstehen, was man tut. Wer trainiert, soll nicht einfach nur Abläufe wiederholen, sondern sich aktiv mit ihnen auseinandersetzen. Mein Ziel ist es, dass die Leute nach dem Training nicht nur körperlich etwas gemacht haben, sondern gedanklich weitergehen – dass sie sich im Nachhinein noch einmal mit den Inhalten beschäftigen und anfangen, eigene Zusammenhänge zu erkennen.
Am Ende bleibt für mich eine einfache Einordnung: Shiru Utsuwa ist kein Ort und kein festes Konzept. Es ist eine bewusste Entscheidung für eine bestimmte Art zu denken und zu lernen. Eine Entscheidung, neugierig zu bleiben, Dinge zu hinterfragen und den eigenen Weg nicht einfach zu übernehmen, sondern selbst zu entwickeln.