Probetraining

Selbstverteidigung – Der zweite Tag mit Iain Abernethy


Der zweite Tag in Hamburg begann anders als der erste, und das war schon beim Betreten des Dojos spürbar, denn die Teilnehmer waren weniger, fast alle ohne Gi, und die Atmosphäre hatte etwas Unzeremonielles, etwas das näher an der Straße war als an der Tradition – kein Stil, keine Form, keine Kata, sondern die einfache und unbequeme Frage, was man wirklich tut wenn es passiert. Iain Abernethy zeigte verschiedene Situationen, wie Konflikte entstehen, wie man deeskaliert und wie man durch Überraschung einen Moment schafft in dem die Flucht möglich wird, denn weglaufen geht nicht einfach so, man braucht zuerst eine Lücke, und diese Lücke entsteht durch gezielten Schaden – keine klassischen Karatetechniken, kein Oi Zuki, kein Gyaku Zuki, sondern Hauptsache Wirkung und Hauptsache weg. Was mich persönlich am meisten beschäftigt hat war die Arbeit am Pad, weil das Pad ein Feedback gibt das ein Partner nicht geben kann, man merkt sofort ob man wirklich trifft oder nur so tut als ob, und selbst für jemanden mit meiner Erfahrung war das ein ehrlicher und lehrreicher Moment der zeigt dass es immer etwas zu entdecken gibt. Wenn ich die beiden Tage zusammendenke, gestern die Kata-Welt und heute die Straßen-Welt, dann erkenne ich eine Verbindung die vielleicht bewusst gesetzt war – Bunkai als verschlüsseltes Prinzip auf der einen Seite und rohe Selbstverteidigung auf der anderen, wobei die Frage ob die Brücke zwischen beiden immer trägt eine bleibt die ich gestern gestellt habe und heute nicht vollständig beantwortet bekommen habe, was aber kein Vorwurf ist sondern einfach zeigt wie komplex dieses Thema ist. Was ich konkret mitnehme ist die Pad-Arbeit, die ich in mein Training einbauen werde. In meinem Training wird regelmäßig am Makiwara geübt, um die Techniken zu spüren und in seinen Körper zu hören und auf das eigene Feedback zu warten, um dann seine Technik anzupassen.  Nicht als Ersatz für Bunkai oder Partnerübungen sondern als ehrliches Korrektiv das man nicht simulieren kann, und dazu möchte ich noch etwas aussprechen das mir wichtig ist und das ich für unverzichtbar halte, nämlich dass wir kein Sparring machen und das ist keine Schwäche sondern Vernunft, denn jeder einzelne Schlag gegen den Kopf schädigt das Gehirn, die Forschung dazu ist eindeutig, und wir können hart und effektiv trainieren ohne uns dabei dauerhaft zu schädigen – das ist keine Einschränkung einer ernsthaften Kampfkunst sondern Verantwortung ihr gegenüber, und mit diesem Gedanken fahre ich nach Rostock zurück, reicher als ich gekommen bin, mit dem Wissen dass wir auf einem richtigen Weg sind, aber auch mit der Überzeugung dass dieser Weg nie fertig ist, und genau das macht ihn so interessant.

 

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