Probetraining

Raus aus der Bubble – Ein Tag mit Iain Abernethy in Hamburg

Ich trainiere in Rostock. Mein Dojo, meine Leute, meine Methoden. Das ist meine Bubble – und ich weiß das. Manchmal braucht man genau das: den Moment, in dem man diese Bubble verlässt und schaut, was draußen passiert.
Heute war dieser Moment. Ein Lehrgang mit Iain Abernethy in Hamburg. Gankaku / Chinto und der Bunkai. 55 Teilnehmer in einem kleinen Dojo, von Gelb bis Schwarz, vom Teenager bis ins hohe Alter. Knut Riedel, der Organisator, hatte uns vorgewarnt: „Ihr werdet am Ende mental erschöpft sein.” Er hatte recht.
Für alle, die Iain nicht kennen: Er ist einer der bekanntesten Vertreter des praktischen Kata-Bunkai weltweit. Brite, trockener Humor, enorme Sachkenntnis. Er steht im Dojo wie jemand, der genau weiß, was er tut – und trotzdem zugänglich bleibt. Kein Gehabe, keine Bühne. Ich habe ihn zuerst aus der Ferne beobachtet. Es gibt immer Leute, die sich direkt in den Dunstkreis eines Senseis begeben. Ich bin nicht so ein Typ. Meine Haltung ist Wertschätzung und Respekt – aber auch kritische Distanz. Beides kann gleichzeitig existieren.
Bevor ich über den Tag berichte, muss ich eine Frage klären, die mich schon länger beschäftigt und die im Laufe des Lehrangs immer drängender wurde: Was ist eigentlich Bunkai? Und was ist der Unterschied zu Applikation und Anwendung? Im deutschen Karate-Alltag werden diese Begriffe oft durcheinandergeworfen. Dabei gibt es klare japanische Definitionen. Bunkai (分解) bedeutet wörtlich Analyse oder Zerlegung. Es ist der Denkprozess: Was könnte diese Bewegung bedeuten? Wie passt sie in den Kontext der Kata? Bunkai ist zunächst intellektuelle Arbeit, kein Kampf. Oyo (応用) dagegen ist die eigentliche Anwendung – die Übertragung des analysierten Inhalts in eine praktische, kämpferische Situation. Martino Fromm Rohde schreibt dazu: „Ohne Bunkai bleibt eine Kata nur eine Choreografie – mit Bunkai wird sie zu einem Werkzeug zur praktischen Selbstverteidigung.“. Er unterscheidet dabei drei Ebenen: Omote Bunkai, die offensichtliche Interpretation, Ura Bunkai, die versteckte tiefere Ebene, und Honto Bunkai, das Prinzip hinter der Technik, unabhängig von der äußeren Form. Iain Abernethy selbst hat dazu eine radikale Position: Wenn dein Bunkai nicht funktioniert, ist es auch kein Bunkai. Funktion vor Form. Immer.

Hier beginnt meine erste kritische Beobachtung des Tages. Gankaku ist die Shotokan-Variante der ursprünglichen Okinawa-Kata Chinto. Die Geschichte dieser Kata ist faszinierend: Matsumura Sōkon, Leibwächter des Okinawa-Königs, wurde geschickt um einen chinesischen Schiffbrüchigen namens Chinto zu besiegen. Im Kampf fand er sich ihm ebenbürtig – und lernte stattdessen seine Techniken. Daraus entstand die Kata. Als Gichin Funakoshi Karate nach Japan brachte, tat er zweierlei: Er benannte Chintō in Gankaku um – vermutlich um antichinesischen Stimmungen der Zeit auszuweichen – und er veränderte die Kata inhaltlich. Die originalen Fronttritte wurden durch hohe Seitwärtstritte ersetzt. Das Bewegungsmuster wurde linearisiert. Spektakulärer. Wettkampftauglicher. Meine Frage, die mich den ganzen Tag begleitete: Wenn wir wissen, dass Gankaku eine sportlich veränderte Version von Chinto ist, warum analysieren wir dann Gankaku und nicht Chinto? Ich laufe selbst Chinto. Und ich kann sagen: Die problematischen Bewegungen, über die wir heute gestolpert sind, existieren in der Originalform so nicht.

Iain hat die Kata zu etwa 80 Prozent 1:1 in Bunkai umgesetzt. Technik für Technik, nah an der Form. Das ist Omote Bunkai – die erste, offensichtliche Ebene. Es gab Momente, die mich überzeugten. Es gab auch versteckte Interpretationen, die zeigten, dass er tiefer denkt, das ist dann die zweite Ebene Ura Bunkai. Was mich wirklich beeindruckt hat: Er arbeitet als Drill im Flow. Das bedeutet – wenn Technik A nicht funktioniert, geht man weiter zu B, dann zu C. Eine Kette von Möglichkeiten, nicht eine fixe Antwort. Das ist methodisch wertvoll und praxisnah. Aber genau hier liegt auch mein Widerspruch. Eine Sequenz zeigtest Anwendung mit Hiza Geri, dann auf demselben Bein bleiben  und einen Armhebel ausführen und anschließend einen Tritt gegen das hintere Bein des Gegners ausführen – das ist die populärste Position in den Kata Gankaku. Die ganze Zeit auf einem Bein stehend. Meine Reaktion war eindeutig: Das würde ich so nie machen. Wenn ich einen Knie-Stoß ausführe, gehe ich voll rein. Ich verliere das Gleichgewicht. Ich setze ab. Ich bin in Bewegung. Auf einem Bein stehen zu bleiben um dann sauber einen Armhebel anzusetzen, um dann dasselbe Bein nochmal zu nutzen – das ist eine Choreografie, die spektakulär aussieht aber keine reale keine Kampfsituation darstellt. Und hier schließt sich der Kreis zur Geschichte: Diese Einbein-Konstruktion existiert in der originalen Chinto nicht. Sie ist Funakoshis Modifikation – für Optik, für Wettkampf, für den japanischen Markt. Wenn wir wissen, dass diese Bewegung zu Sportzwecken verändert wurde, kann sie dann die Grundlage einer authentischen Bunkai sein?

Ein weiterer Punkt, der mir mehrfach auffiel: Die Distanzen stimmten oft nicht. Wir gingen in den Clinch – also in den Hiji-Bereich, die Ellenbogen-Distanz – und sollten dann einen Uraken Uchi ausführen. Uraken braucht Ausholraum. Im Clinch fehlt dieser Raum. Wir waren biomechanisch zu nah für die gewählte Waffe. Das ist kein kleines Detail. Distanz bestimmt die Waffe – nicht umgekehrt. Hier möchte ich einen Kontrapunkt setzen – und gleichzeitig klarstellen, dass es kein Angriff auf Iain ist. Es ist ein anderer Ansatz. Was ich bei Martino Fromm Rohde und Stephan Trettin lerne, ist kein 1:1 Bunkai. Es sind Prinzipien. Niemals Uchi Uke gegen einen frontalen Angriff – weil er anatomisch und taktisch für die Seite gedacht ist. Distanz bestimmt die Waffe. Sabaki kommt vor der Technik. Die Abwehr ist immer kürzer als der Angriff. Martino zeigt das eindrücklich: Die Bunkai zur Eröffnung von Heian Nidan, Sandan, Godan und Bassai Dai folgt nicht der äußeren Form der Kata – sie folgt den Prinzipien dahinter. Tai Sabaki, sofortiger Konter, Kontrolle über den Körperschwerpunkt. Das ist der Unterschied zwischen Omote Bunkai und Honto Bunkai. Zwischen was die Kata zeigt und was die Kata meint.
Der Flow-Drill-Ansatz von Iain hat mich noch zu einem letzten Gedanken geführt. Eine Kette von Techniken, eine eskalierende Auseinandersetzung über viele Sekunden. Das ist didaktisch wertvoll und ich werde versuchen ihn in mein Training einzubauen, denn das verursacht Stress, den wir nur selten simulieren können. Aber der ursprüngliche Grundsatz im Karate ist Ikken Hissatsu – ein Schlag, eine Entscheidung. Der Angriff wird beendet. Ich flüchte. Ich deeskaliere. Wenn ich stattdessen eskaliere, obwohl ich die Möglichkeit zur Flucht hatte – bin ich dann rechtlich noch in der Notwehr? Karate als Selbstverteidigung bedeutet für mich immer zuerst: das Kämpfen verhindern. Nicht eskalieren. Nicht dominieren. Enden.
Ich fahre bereichert nach Rostock zurück – und mit mehr Fragen als Antworten. Das ist das Zeichen eines guten Lehrgangs. Iain Abernethy ist ein außergewöhnlicher Karateka mit einem Verständnis, das ich nicht kleinreden möchte. Seine Energie, seine Methodik, sein Humor – alles stimmt. Kritisch zu sein bedeutet nicht, respektlos zu sein. Es bedeutet, ernst zu nehmen was gelehrt wird – und weiterzudenken. Meine Bubble ist heute ein bisschen größer geworden. Und sie hat neue Risse bekommen. Genau so soll es sein.

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