Probetraining

Wenn die Prüfung naht – und die Motivation fehlt

Ich trainiere Kinder seit Anfang 2026, also noch nicht lange. Einen langen Vergleich über Jahre habe ich nicht – aber ich habe meinen eigenen. Ich erinnere mich an meine Kindheit, an das Training damals, und ich merke: etwas hat sich verändert. Es gab auch früher Kinder, die nicht bei der Sache waren, die abgelenkt waren, die lieber woanders gewesen wären. Das ist nichts Neues. Aber damals war es die Ausnahme. Heute habe ich das Gefühl, es ist die Regel. Was mich in letzter Zeit besonders beschäftigt, ist das Verhalten der Kinder wenn eine Prüfung näher rückt. Man könnte erwarten, dass die Ernsthaftigkeit zunimmt, dass die Kinder fokussierter werden, mehr Einsatz zeigen. Stattdessen erlebe ich oft das Gegenteil. Das Training beginnt, und noch bevor wir auch nur eine einzige Übung gemacht haben, kommt die erste Frage: „Was spielen wir heute?” Kein Hallo, kein Verbeugen, kein Ankommen. Direkt die Frage nach dem Spiel. Das sagt mir etwas über die Erwartungshaltung, mit der diese Kinder ins Training kommen.
Lachen und Freude im Training sind keine Probleme – im Gegenteil, ich möchte dass Kinder gerne kommen. Aber es gibt einen Unterschied zwischen ansteckendem Lachen und unangebrachter Albernheit. Wenn ich eine Übung erkläre, die Kinder bitte sich gegenseitig zu beobachten und zu korrigieren, und sie stattdessen einfach dasitzen und nichts tun, dann ist das keine Freude mehr. Dann ist das Gleichgültigkeit. Und Gleichgültigkeit ist das, womit ich am wenigsten umgehen kann. Was mich dabei am meisten bewegt ist folgendes: Diese Kinder weinen im Training, wenn etwas nicht klappt. Echte Tränen, echte Frustration. Und ich verstehe das, Misserfolg tut weh. Aber gleichzeitig fehlt mir ehrlich gesagt das Mitleid, wenn ich sehe dass derselbe Junge, derselbe Mädchen, zuvor keine Bereitschaft gezeigt hat, wirklich zu üben. Weinen wenn es nicht klappt, aber nichts dafür tun dass es klappt, das ist ein Widerspruch, den ich nicht einfach übergehen kann. Ich glaube, das hat mit einer Generation zu tun, die gelernt hat dass man einfach zum Nächsten weitergehen kann wenn etwas schwierig wird. Ein neues Spiel, eine neue App, eine neue Beschäftigung. Die Bereitschaft, an einer Sache dranzubleiben bis sie gelingt, wird seltener. Und das zeigt sich beim Prüfungsdruck ganz besonders. Manche Kinder sind so überfordert mit dem bloßen Gedanken an eine Prüfung, dass sie zusammenbrechen, obwohl ich ihnen sage: Das hier ist kein Test den ihr bestehen oder nicht bestehen müsst. Es ist ein Moment, wo ihr zeigt was ihr erarbeitet habt. Zähne zusammenbeißen, dem Druck standhalten; das ist die eigentliche Lektion.
Und dann gibt es die andere Seite. Nicht das weinende Kind, sondern das altkluге. Das Kind das kommentiert, diskutiert, alles auf die Goldwaage legt. Leise genug dass man es fast nicht hört, aber laut genug dass es wirkt. Das keine Anweisung einfach annimmt ohne sie zu hinterfragen. Auch das ist ein Verhalten, das ich nicht nur bei mir im Training beobachte – es zieht sich durch, überall, in allen Bereichen. Und ich sage das nicht um Kinder zu verurteilen. Aber Karate lebt von einem Grundprinzip: dem Unterordnen. Nicht blind, nicht unterwürfig, aber mit dem Vertrauen, dass der Trainer etwas weitergeben möchte, das einen weiterbringt. Dieses Vertrauen fehlt manchmal. Das steht im direkten Widerspruch zu dem, was Karate vermitteln möchte. Respekt, Disziplin, Ausdauer, die Bereitschaft sich einer Sache zu widmen auch wenn sie unbequem ist – das sind keine alten Werte die niemanden mehr interessieren. Das sind Werte die Kinder durchs Leben tragen. Aber ich kann sie nicht alleine vermitteln. Ich trainiere in meiner Freizeit, ohne Bezahlung, weil ich glaube dass das was ich tue einen Unterschied machen kann. Was ich mir von Eltern wünsche ist nicht viel, nur ein bisschen Interesse. Eine Frage abends beim Abendessen: Was habt ihr heute trainiert? Hat der Trainer etwas gesagt? Nicht als Kontrolle, sondern als Signal: Das was du dort tust, ist uns wichtig. Als ich Eltern einmal direkt darum gebeten habe, mehr Unterstützung zu zeigen, blieb es weitgehend still. Das hat mich nicht wütend gemacht. Aber es hat mich nachdenklich gemacht.
Trotzdem mache ich weiter. Weil ich Fortschritte sehe. Weil es Momente gibt, in denen ein Kind eine Bewegung plötzlich versteht, in der die Haltung stimmt, in der man spürt dass etwas angekommen ist. Diese Momente sind der Grund. Der Weg ist das Ziel, aber man muss bereit sein, ihn zu gehen.

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